VDE ETG analysiert strukturelle Kostensteigerungen im Verteilnetz
Die Energietechnische Gesellschaft im VDE (VDE ETG) kommt in einem aktuellen Impulspapier zum Schluss, dass steigende Netzkosten kein temporäres Phänomen sind. Vielmehr spiegeln sie ein strukturell belastetes Stromsystem wider, das zunehmend an seine Grenzen stösst.
Die bisherigen Planungsgrundsätze, Betriebsweisen und Anschlusslogiken seien vielfach nicht auf die Anforderungen eines vollständig dekarbonisierten Energiesystems ausgelegt. Dadurch entstehen systematische Mehrkosten, die sich direkt in steigenden Netzentgelten niederschlagen.
Die Autorinnen und Autoren fordern deshalb grundlegende Anpassungen im Betrieb und in der Regulierung der Stromverteilnetze.
Kurative Eingriffe sollen Netzausbau teilweise ersetzen
Ein zentraler Ansatz sind sogenannte kurative Massnahmen. Dabei handelt es sich um gezielte Eingriffe im Netzbetrieb, die situativ erfolgen und eine bessere Auslastung bestehender Infrastruktur ermöglichen.
Diese Massnahmen könnten dazu beitragen, den Bedarf an kostenintensivem Netzausbau zu reduzieren oder zeitlich zu verschieben. Damit würde der Investitionsdruck im System spürbar gesenkt.
«Diese Massnahmen können dazu beitragen, die Kosten für den Netzausbau spürbar zu dämpfen – zum Beispiel, indem sie Teile des erforderlichen Netzausbaus ersetzen oder zeitlich verschieben»
Gleichzeitig wird gefordert, dass regulatorische Rahmenbedingungen solche betrieblichen Lösungen stärker berücksichtigen. Der betriebliche Aufwand soll wirtschaftlich gleichwertig zum klassischen Netzausbau bewertet werden.
Flexible Netzanschlüsse und gezielte Standortsteuerung
Ein weiterer Hebel liegt in flexiblen Anschlussregelungen, die seit 2023 zwischen Netzbetreibern und Kunden vereinbart werden können. Diese ermöglichen eine effizientere Integration neuer Anlagen ins Netz.
Allerdings besteht weiterhin Forschungsbedarf. Die Autorinnen und Autoren sehen hier auch den Gesetzgeber in der Pflicht, Experimentierräume zu schaffen und entsprechende Projekte zu unterstützen.
Zudem kritisiert das Papier fehlende Steuerung bei der Standortwahl neuer Anlagen. Insbesondere bei Grossbatteriespeichern, Photovoltaik und teilweise auch bei Windenergie und Elektrolyseuren seien klare Vorgaben notwendig, um ineffiziente Netzausbauten zu vermeiden.
Netzplanung stärker an realen Lastprofilen ausrichten
Auch die Netzplanung selbst steht im Fokus. Statt sich an theoretischen Extremfällen zu orientieren, sollen reale und realistische Lastprofile stärker berücksichtigt werden.
Dadurch könnten Überdimensionierungen vermieden und Investitionen gezielter gesteuert werden. Gleichzeitig wird gefordert, die Grenzen von Eingriffen klar zu definieren.
Derzeit erlaubt das Energiewirtschaftsgesetz Eingriffe wie Abregelungen oder Lastabschaltungen, ohne deren Umfang oder Häufigkeit klar zu regeln. Diese Unsicherheit erschwert eine effiziente Netzplanung.
Zentrale Hebel zur Kostendämpfung im Verteilnetz
- Kurative Betriebsansätze zur besseren Auslastung bestehender Netze
- Flexible Anschlussregelungen für effizientere Netzintegration
- Gezielte Standortsteuerung bei grossen Erzeugungs- und Speicheranlagen
- Netzplanung basierend auf realistischen Lastprofilen
Digitalisierung und Flexibilität als langfristige Lösung
Trotz weiter steigender Kosten sehen die Autorinnen und Autoren auch positive Perspektiven. Eine aktivere, digitalere und flexiblere Betriebsführung könne den Kostenanstieg mittelfristig dämpfen.
Die notwendigen Technologien und Methoden seien bereits weitgehend verfügbar oder absehbar. Entscheidend sei nun, die regulatorischen Rahmenbedingungen entsprechend anzupassen.
Damit könne der Transformationspfad im Verteilnetz kosteneffizient fortgesetzt werden und gleichzeitig Versorgungssicherheit, Wirtschaftlichkeit und Klimaschutz in Einklang gebracht werden.






